11.03.2015

Die Vorweihnachtszeit in einer Malerfamilie

Puppenstube

Der kleine Klaus und das viele Spielzeuge der Nachbarskinder

Es wiederholte sich jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit!

Eine Geschichte aus den 50er Jahren, ich war noch sehr klein. Die Menschen waren arm und konnten sich keine Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder leisten. So geschah es dann in jedem Jahr vor Weihnachten: Plötzlich, über Nacht, war das geliebte Spielzeug aller Nachbarskinder verschwunden. Das Christkind hatte alles geholt: Holzspielzeug, Holzautos, die Holzeisenbahn, Baukästen, das geliebte Schaukelpferd, Blechautos, Puppenstuben und ganze Ritterburgen, einschließlich der Figuren, verschwanden auf mysteriöse Weise. Auch mich hat es jedes Jahr getroffen, ich war da keine Ausnahme in diesen Zeiten.

Was machte das Christkind nur mit all den Sachen? Wir haben unseren Eltern alles geglaubt, ohne Zweifel daran. Wir stellten uns vor, wie das Christkind im Himmel lebte, mit unserem ganzen Spielzeug. Die Welt und das Drumherum war noch sehr klein und beschaulich für uns.

Komischerweise war ab diesem Zeitpunkt unser Dachboden immer abgeschlossen. Ich konnte als kleiner Junge natürlich keine Verbindung zu dem verschwundenen Spielzeug herstellen. Auch der Geruch von frischen Farben im ganzen Haus machte mich nicht stutzig, weil ich ja in einem Malerhaushalt groß wurde und da roch es immer irgendwie nach Leinöl, Terpentin und vielen Zusatzstoffen, die damals verwendet wurden. Fertige Lacke gab es noch nicht. Es wurde alles zusammengemischt, mit den tollsten Farbpigmenten angereichert und in uralten Eisentöpfen, mit Henkel dran, angerührt.

Heinrich Steinseifer Maler- und Anstreichermeister (1903 bis 1979)

Heinrich Steinseifer

Zu dieser Zeit ereigneten sich geheimnisvoll Dinge in unserem Haus. Abends, nach dem Abendessen, verschwand mein Opa Heinrich, auf dem Dachboden und werkelte, was das Zeug hielt, denn Weihnachten stand vor der Türe.

Auf unserem Dachboden hatte das Christkind die ganzen Spielsachen von uns Kindern abgeladen und dem Opa den Auftrag gegeben, alle geliebten Spielzeuge der Kinder wieder wie neu zu machen.

Es wurde gemalt, gepinselt, beschriftet, Puppenstuben neu tapeziert und die Fußböden neu ausgelegt. Die Figuren wurden repariert und bekamen neue Kleider, für die meine Oma Hermine zuständig war. Die Ritterburgen bekamen neue Zugbrücken. Die Schaukelpferde neue Gesichter und ganz neue Sättel aus edelsten Stoffen.

Das war die Zeit, in der mein Opa kaum zur Ruhe kam. Tagsüber auf den Baustellen und abends war er das Christkind, das alles neu machte.

So nach und nach lehrte sich dann der Dachboden und die vielen Spielzeuge gingen zurück an die Eltern der Nachbarskinder. Auch meine "neuen" Spielsachen wurden von meiner Mutter liebevoll verpackt, damit sie am Weihnachtsmorgen, wenn das Christkind da war, unter dem Weihnachtsbaum lagen. Das war eine Freude und wir Kinder waren glücklich, dass das Christkind uns alles wiedergebracht hatte, und auch noch in so tollen Farben, ganz neu.

Der Heilige Abend war für uns ein Tag der Vorfreude auf das, was kommen wird. Das Christkind kam bei uns, im Siegerland, immer erst am ersten Weihnachtsfeiertag.

Heute habe ich mich an diese Geschichte erinnert und sie sofort aufgeschrieben, ein bisschen auch für die Nachwelt und in Erinnerung an eine schöne Kindheit, besonders mit meinem Opa, den ich heute noch Schilder für Gaststätten und Firmen malen sehe, auch wie er Grabkreuze beschriftete, die vom Schreiner angeliefert wurden, und der in seiner Werkstatt die tollsten Farbtöne zauberte!

Klaus Steinseifer 1

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